Wunder

Die ersten lösungsfokussierten Schritte – Erfahrungen eines Teamleiters mit der Wunderfrage

Die Erfahrungsberichte von Führungskräften in der Rubrik Erste Schritte sollen dich ermutigen, deine ersten lösungsfokussierten Schritte zu gehen, lösungsfokussierte Werkzeuge auszuprobieren und deinen individuellen Weg zu beschreiten.

Start before you are ready! Im Tun erlebst du, wie dieser Ansatz funktioniert und lernst, wie du ihn für dich sinnvoll einsetzen kannst. Berichte uns doch von deinen ersten Erfahrungen. Was hat bei dir besonders gut funktioniert?

Hier folgt der 2. Erfahrungsbericht! (Hier geht’s zum ersten Erfahrungsbericht)

Die ersten Erfahrungen mit der Wunderfrage

Ich leite seit einigen Jahren ein Team im IT-Bereich und möchte Ihnen meine ersten beiden Erfahrungen mit der Wunderfrage schildern.

1. Die erste Erfahrung: Die Wunderfrage funktioniert sogar im IT-Umfeld! 
Mein Mitarbeiter im Alter von 62 Jahren arbeitet seit acht Jahren als IT-Projektleiter in meinem Team. Mit der Wunderfrage wollte ich herausfinden, wie sich mein Mitarbeiter seine drei verbleibenden Jahre in der Geschäftswelt vorstellt In den vergangenen Monaten versuchte ich diesbezüglich mehr in Erfahrung zu bringen, bis zu dieser Besprechung konnte ich keine effektiven Fakten festhalten. Ich formulierte meine Wunderfrage und wollte von meinem Mitarbeiter wissen, wie ein idealer, guter und schöner Tagesablauf sei. Er soll sich vorstellen, dass am nächsten Morgen alles anders sei und er tun und lassen könne wie es ihm gefällt. Nach einer kurzen Pause erklärte mir mein Gegenüber einen detaillierten Plan, dass er frühmorgens sein Haus verlasse, mit seinem Auto an seinen Arbeitsplatz fahre etc. Ich konnte anschliessend mit gezielten Fragen, endlich Aussagen von meinem Mitarbeiter erfahren, welche ich bis anhin nicht erhalten hatte. Ich durfte festhalten, dass mein Mitarbeiter gerne arbeitet, dass er am jetzigen Standort zufrieden ist und sich in meinem Team gut fühlt.

Ich war überwältigt über unser Gespräch. Ich erhielt wichtige Informationen und wusste endlich woran ich war. Der Einstieg in die Wunderfrage benötigte zwar etwas Mut, doch nachdem wir uns in die Lösungswelt begaben und erste mögliche Szenen kreierten, wurden viele Aspekte klar und sichtbar.

2. Die zweite Erfahrung: Keine Antwort auf die Wunderfrage – was nun?
In zwei Monaten wird ein neuer Mitarbeiter in meinem Team seine Arbeit aufnehmen. Dieser Mitarbeiter hat in unserer Firma die Lehre als Informatiker erfolgreich absolviert und sich auf unsere frei gewordene Stelle als Entwickler in einem Spezialgebiet beworben. Ich erarbeitete einen entsprechenden Einführungs- und Ausbildungsplan. Im Bewusstsein, dass wir unseren neuen Mitarbeiter in einem Spezialgebiet ausbilden, habe ich zusätzliche Ausbildungstage und externe Kurse eingeplant. In unserem kleinen Team sind solche Einführungen immer eine ziemlich grosse Herausforderung. Die Vorbereitungsarbeiten sind individuell, umfassend und zeit-aufwendig. Das Ziel der Ausbildung muss effizient und effektiv sein. Dem neuen Mitarbeiter steht jeweils ein „Götti“ zur Verfügung, welcher ihn in den Ausbildungen unterstützt und die Fortschritte überwacht.

Nachdem ich den Einführungs- und Ausbildungsplan fertiggestellt hatte, interne und mögliche externe Kurse evaluiert hatte, habe ich ein Abgleich-Meeting angesagt. Ich wollte meine Vorstellungen über diese Einführung und Ausbildung mit meinem Mitarbeiter abgleichen.

Ich startete die Besprechung mit einem ausführlichen Smalltalk. Allmählich kam ich dann zum eigentlichen Thema. Mir war nebst dem Abgleich meines Einführungs- und Ausbildungsplans wichtig, dass wir gemeinsam neue Wege in der Einführung und Ausbildung der Mitarbeitenden ausarbeiten könnten. Bereits einige Male war das Ergebnis unserer Einführungen nicht zufriedenstellend: Zu aufwendig in der Vorbereitung und der Durchführung.

Am Flipchart präsentierte ich den vorgängig erstellten Plan und startete dann bewusst mit der Wunderfrage, um herauszufinden, ob wir die gleichen Ansichten und Ziele von dieser Ausbildung haben: Es geschieht über Nacht ein Wunder und unser neuer Mitarbeiter hat eine optimale, effiziente Ausbildung genossen, wir drehen nun die Zeit um fünf Monate nach vorne und sehen uns unseren neuen Mitarbeiter an. Was siehst du? Was kann er? Welche Kompetenzen weist er nun auf? In welchen Bereichen und wie intensiv können wir unseren Mitarbeiter einsetzen?

Leider war diesmal das Ergebnis nicht wie erwartet: Der weitere Verlauf war reibend und ich musste meine Wunderfrage einige Male stellen. Mein Kollege wollte sich partout nicht auf das Abenteuer einlassen. Er verhielt sich gegenüber meiner neuen Vorgehensweise eher zurückhaltend und stellte Gegenfragen. Das Wunder blieb vorerst an diesem Meeting aus.

Was nun – wie weiter?
Ich musste die Wunderfrage im Raum stehen lassen und wich diplomatisch auf meinen Plan, welcher bereits am Flipchart hing, aus. Als nächstes haben wir den Plan Schritt für Schritt besprochen und in einzelnen Punkten Ergänzungen vorgenommen. Ich versuchte dennoch im Verlauf der Besprechung mit lösungsfokussierten Fragen meinem Ziel näher zu kommen:

  • Was ist für dich das Ziel, das wir erreichen möchten?
  • Was wird diesmal anders sein, wenn wir diesen Einführungsplan durchziehen?
  • Was müssen wir anders tun?
  • Ab wann sind wir zufrieden mit der Umsetzung?

Diesmal ging mein Mitarbeiter auf die Fragen ein. Nach einer Stunde beendete ich die Sitzung mit einem abgeglichenen Plan für die Einführung und Ausbildung unseres neuen Mitarbeiters. Soweit waren wir uns einig und ich war überrascht, noch einige neue Ideen und Vorschläge von meinem Mitarbeiter erhalten zu haben.

Meine Lernerfahrungen
Die Wunderfrage funktioniert, sogar im IT-Umfeld! Nicht immer. Aber was funktioniert schon jederzeit? Und das macht auch nichts, denn wenn von meinem Gegenüber nichts kommt und dieses irritiert ist, dann gehe ich einfach mit anderen lösungsfokussierten Fragen weiter oder formuliere die Frage um.

Ein Praxishinweis vom Zentrum für lösungsfokussierte Führung

Eine kurze Einführung in die Wunderfrage aus dem Buch “Lösungen auf der Spur – Wirkungsvoll führen dank Lösungsfokus”:

Die Wunderfrage ist wohl das am meisten diskutierte und zugleich faszinierendste Instrument innerhalb des lösungsfokussierten Werkzeugkastens. Insoo Kim Berg entwickelte diese per Zufall in einem Gespräch, als ihr eine Frau sagte, dass nur noch ein Wunder helfen könnte. Da Insoo immer die Worte und Ideen des Gegenübers aufnahm, fragte sie: „O.k., nehmen wir einmal an, es würde ein Wunder geschehen und das Problem, das Sie hierher geführt hat, wäre gelöst, was wäre dann anders in Ihrem Leben?“ Zu Insoos grossem Erstaunen fing die Frau, die bis dahin handlungsunfähig schien, plötzlich an, von ihrer gewünschten Zukunft zu erzählen (De Jong/Berg, 2003).

Die Wunderfrage öffnet die Vorstellungskraft Ihres Gegenübers und es wird schnell klar, wohin es gehen soll und was in Zukunft wirklich wichtig ist.

Die klassische Wunderfrage ist dreistufig aufgebaut:

  1. Stellen Sie sich vor: „Stellen Sie sich vor, Sie gehen heute nach der Arbeit nach Hause. Nach einem schönen Abend gehen Sie ins Bett und schlafen genüsslich ein …“
  2. Ein Wunder geschieht in der Nacht: „… Und in der Nacht, während Sie schlafen, passiert ein Wunder, welches bewirkt, dass all das, was Sie momentan beschäftigt, einfach so gelöst ist. Aber weil Sie geschlafen haben, wissen Sie davon nichts …“
  3. Woran merken Sie dies am nächsten Morgen: „… Woran merken Sie am nächsten Morgen, wenn Sie aufwachen, dass tatsächlich ein Wunder geschehen ist?“

Wenn Sie die Frage beendet haben, hören Sie aufmerksam zu, was Ihre Mitarbeitenden alles entdecken am Morgen nach dem Wunder. In Anlehnung an Jackson und Waldmann (2010) können Sie das Wunderbild mit folgenden Fragen schärfen:

  • Was ist am Morgen nach dem Wunder noch anders?
  • Was entdecken Sie im weiteren Verlauf des Tages?
  • Wie merken andere, dass ein Wunder passiert ist?
  • Was tun Sie an diesem Tag nach dem Wunder?
  • Welche Auswirkungen hat Ihr Verhalten auf andere?
  • Was passiert sonst noch an diesem Tag oder im weiteren Verlauf?

Da das Wort „Wunder“ im Arbeitsalltag in aller Regel noch nicht zum üblichen Sprachgebrauch gehört, braucht es allenfalls ein wenig Überwindung, um diese Frage einzuführen. Meine eigene Erfahrung als Führungskraft ist, dass die Mitarbeitenden meist sehr positiv darauf reagieren. Je sicherer Sie die Frage formulieren, desto weniger Irritation löst sie aus. Wenn Sie unsicher sind, können Sie die Wunderfrage auch sanft einleiten.

Die Wunderfrage sanft einleiten: „Anja, ich weiss, dass du über eine gute Vorstellungskraft verfügst und neuen Ansätzen gegenüber aufgeschlossen bist. Um eine Lösung für dein Thema zu finden, möchte ich dir deshalb eine anfangs vielleicht komische Frage stellen. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass du, wenn du dich darauf einlässt, bei deinem Thema einen grossen Fortschritt erzielen kannst. Bist du bereit?“

Falls die Mitarbeitenden die Frage dennoch komisch finden und sich nicht darauf einlassen können, reagieren Sie wertschätzend und befragen Sie sie nach ihren Zielen und ihrer gewünschten Zukunft.”

Wertschätzend reagieren und auf die gewünschte Zukunft überleiten: „Anja, ich finde es gut, dass du Realistin bist. Aber sag mal, was ist denn dein Ziel bei diesem Thema? Wie sieht deine gewünschte Zukunft aus? Was wird dort anders sein?“

 

 

Unser grosser Dank geht an R.S., der uns seine ersten Erfahrungen zum Weiterlernen zur Verfügung stellt.