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Die ersten lösungsfokussierten Schritte – Rose statt Kaktus

Die Erfahrungsberichte von Führungskräften in der Rubrik Erste Schritte sollen dich ermutigen, deine ersten lösungsfokussierten Schritte zu gehen, lösungsfokussierte Werkzeuge auszuprobieren und deinen individuellen Weg zu beschreiten.

Start before you are ready! Im Tun erlebst du, wie dieser Ansatz funktioniert und lernst, wie du ihn für dich sinnvoll einsetzen kannst. Berichte uns doch von deinen ersten Erfahrungen. Was hat bei dir besonders gut funktioniert?

Hier folgt der 3. Erfahrungsbericht.

Rose statt Kaktus

Der Fehler-Kaktus kehrt zurück – Das kann doch nicht sein!
Im Jahr 1994 wechselte unsere Firma ihren Standort, wir bezogen erstmals ein Großraumbüro in dem ca. 100 Mitarbeiter gemeinsam auf einer Etage arbeiteten. Ich erinnere mich gut an diese Zeit und speziell an zwei Gegebenheiten. Zum einen war da unser Chef, der einführte, dass bei jeder erfolgreich fertiggestellten Implementierung das entsprechende Team mit einer Flasche Wein belohnt wurde. Die Übergabe wurde an einer Teamsitzung zelebriert und die Freude beim beschenkten Team war gross. Das entsprechende Team war stolz und alle konnten spüren, wie die Teams in dieser hektischen Zeit durch diese Geste zusammengeschweisst wurden.

Es existierte jedoch noch eine andere Bewegung. Bei einem Fehler wurde in der wöchentlichen Statussitzung ein kleiner Kaktus vergeben, welcher am betroffenen Arbeitsplatz des Mitarbeiters aufgestellt wurde. Dieser Fehler-Kaktus blieb solange an diesem Ort, bis ein anderer Mitarbeiter einen Fehler machte.

Ich erinnere mich, dass es sich nicht um weitreichende Fehler handelte. Diese Angelegenheit war für viele Mitarbeiter eine Spielerei, man konnte in den Pausen darüber schwatzen und lästern. Die Diskussionen drehten sich fortan nur über die Vergabe dieses Kaktus. Ich beobachtete, dass nicht alle Mitarbeiter mit dieser Blossstellung umgehen konnten. Bei den kleinsten Fehlern wurden Entschuldigungen und Ausreden gesucht, damit der Schuldige den Kaktus nicht in Empfang nehmen musste.

Die Vergabe eines Fehler-Kaktus ist seit einigen Jahren in der Firma verschwunden, jedoch in den letzten Monaten erstaunlicherweise wieder vorgekommen.

Ein Teamleiter-Kollege hat seit ein paar Tagen einen Kaktus auf seinem Schreibtisch. Der Kollege ist ein innovativer Mitarbeiter und bringt täglich neue Verbesserungsvorschläge, hat einen guten Überblick über sein Team und beherrscht sein Gebiet sehr gut. Er hat in den vergangenen Jahren zahlreiche wichtige Projekte erfolgreich umgesetzt. Er wird von seinen Kollegen geschätzt und ist anerkannt.

Vor ein paar Wochen wurde eine umfassende Softwareumstellung bei einem wichtigen Kunden durchgeführt. Die Durchführung war erfolgreich und für alle Beteiligten eine wahre Freude. In den drauffolgenden Abschlussarbeiten hat mein Teamleiter-Kollege, welcher auch dieses Projekt geleitet hatte, einen Fehler gemacht. Beim Löschen von Installationsdateien hat er aus Versehen einen Datei-Ordner gelöscht, welcher Steuerdateien für die ganze Druckerumgebung enthielt. Die Auswirkung davon war, dass kein Drucker mehr funktionierte und der Betrieb für einige Stunden stillstand, da sämtliche Liefer- und Transportscheine betroffen waren. Nach dem Erkennen des Fehlers konnte das Problem schnell gelöst werden.

Am darauffolgenden Tag wurden in der Pause Stimmen laut, dass dieser Lapsus Kaktus-würdig sei. Der Teamleiter-Kollege nahm kurz Stellung zur Thematik und versprach, dass er sich selber gleich einen Kaktus kaufe und aufstelle – Strafe müsse sein!

Vorleben von Wertschätzung – Rose statt Kaktus
Da ich in der gleichen Abteilung arbeite, habe ich die Geschichte mitbekommen. Die Sache mit diesem Fehler-Kaktus ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Godat (2014, S. 146) beschreibt in der lösungsfokussierten Führung das Thema „Wertschätzungskultur schaffen“ als ein zentrales Element. „Wertschätzung fördert nicht nur das Arbeitsklima und das Engagement der Mitarbeitenden, sondern ermöglicht auch bessere Lösungen.“ Wie konnte es sein, dass alle nur noch von diesem Lapsus sprachen. Das erfolgreiche Projekt mit den immensen Vorbereitungen und gewaltigen Auswirkungen wurde nicht entsprechend gewürdigt, nicht mal angesprochen. Es ging nur noch um diesen Lapsus und diesen Kaktus.

Mein Entschluss stand fest, ich wollte mit einem lösungsfokussierten Ansatz dem Thema entgegen treten und liess mich auf folgendes Instrument ein:

  • Das Vorleben von Wertschätzung, positive Aspekte durch Wertschätzung stärken, Wertschätzung positiv sichtbar machen (s. Kapitel 2.3)

Im Verlauf der Woche kaufte ich im Fachgeschäft eine stabilisierte Rose in einem einfachen und schönen Gefäss. Stabilisierte Rosen sind frische, natürliche Schnittblumen, deren Schönheit durch ein spezielles Konservierungsverfahren erhalten bleibt. Zurück an seinem Arbeitsplatz verbannte ich den Kaktus unter das Pult in die hinterste Ecke und positionierte die Rose auf seinem Pult. Später bedankte ich mich bei meinem Kollegen für die gute Zusammenarbeit, das aktuelle, erfolgreiche Projekt und für die vielen vergangenen, erfolgreichen Projekte. Als Abschluss teilte ich meinem Kollegen mit, dass ich von ihm erwarte, dass er bei kommenden und erfolgreichen Projekten die Rose jeweils nicht weitergibt, sondern eine neue Rose als Anerkennung an einen seiner Mitarbeitenden austeilt. Mein Wunsch sei, dass ich in einem Jahr in seinem Bereich viele und schöne Rosen antreffe. Mein Kollege war dermassen überwältigt und überrascht, dass er in diesem Moment keine Worte fand. Das Strahlen in seinen Augen war mehr als tausend Worte wert.

Meine Lernerfahrungen
Wertschätzung zeigen mit indirekten oder direkten Komplimenten, wie das hier geschilderte Erlebnis, gibt es zahlreiche. Ich beobachte oft, dass Mitarbeitende oder Teams sich lediglich auf die Pendenzen und Probleme konzentrieren. Alles andere, was funktioniert und erschaffen wurde, wird nicht mehr gewürdigt. „Eine Wirkung von Komplimenten wird oft unterschätzt: Meist sehen wir selber nicht mehr, was wir in der Vergangenheit alles gut gemacht haben und über welche Stärken wir in der Gegenwart verfügen“ (Godat, 2014, S. 57-58). Komplimente sollen motivierend wirken und deshalb auf wirklich erbrachten und aufgebauten Leistungen und Erfolgen beruhen. Der lösungsfokussierte Ansatz gibt uns hier ein Instrument mit, welches den Grundsatz „Funktionierendes erkennen“ (s. Kapitel 2.3) verstärkt und hervorhebt.

Im Gespräch mit Godat (Expertengespräch, 9. Dezember 2014) haben wir festgehalten, dass es nicht darum geht „nett und lieb“ miteinander zu sein. Es geht darum, dass wir Funktionierendes stärken und uns bewusst werden, dass wir davon noch mehr machen sollten. Mit Wertschätzung kann das Funktionierende sichtbar gemacht werden und Beziehungen werden nachhaltig gestärkt.

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