11dezember

Das Rätsel von Meister Hora
(Auszug aus dem Buch Momo von Michael Ende, S. 153f)

„Löst du eigentlich gern Rätsel?“, fragte er beiläufig, während sie weitergingen.
„O ja, sehr gern!“, antwortete Momo. „Weißt du eines?“
„Ja“, sagte Meister Hora und blickte Momo lächelnd an, „aber es ist sehr schwer. Die wenigsten können es lösen.“
„Das ist gut“, meinte Momo, „dann werde ich es mir merken und später meinen Freunden aufgeben.“
„Ich bin gespannt“, erwiderte Meister Hora, „ob du es herauskriegen wirst. Hör gut zu:

„Drei Brüder wohnen in einem Haus,
die sehen wahrhaftig verschieden aus,
doch willst du sie unterscheiden,
gleicht jeder den anderen beiden.
Der erste ist nicht da, er kommt erst nach Haus.
Der zweite ist nicht da, er ging schon hinaus.
Nur der dritte ist da, der Kleinste der drei,
denn ohne ihn gäb’s nicht die anderen zwei.
Und doch gibt’s den dritten, um den es sich handelt,
nur, weil sich der erst in den zweiten verwandelt.
Denn willst du ihn anschaun, so siehst du nur wieder
Immer einen der anderen Brüder!
Nun sage mir: Sind die drei vielleicht einer?
Oder sind es nur zwei? Oder ist es gar – keiner?
Und kannst du, mein Kind, ihre Namen mir nennen,
so wirst du drei mächtige Herrscher erkennen.
Sie regieren gemeinsam ein großes Reich –
Und sind es auch selbst! Darin sind sie gleich.“

Meister Hora schaute Momo an und nickte aufmunternd. Sie hatte gespannt zugehört. Da sie ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte, wiederholte sie nun das Rätsel langsam und Wort für Wort. „Hui“, seufzte sie dann, „das ist aber wirklich schwer. Ich hab keine Ahnung, was es sein könnte. Ich weiß überhaupt nicht, wo ich anfangen soll.“
„Versuch’s nur“, sagte Meister Hora.
Momo murmelte noch einmal das ganze Rätsel vor sich hin. Dann schüttelte sie den Kopf.
„Ich kann’s nicht“, gab sie zu.
Inzwischen war die Schildkröte nachgekommen. Sie saß neben Meister Hora und guckte Momo aufmerksam an.
„Nun, Kassiopeia“, sagte Meister Hora, „du weißt doch alles eine halbe Stunde voraus. Wird Momo das Rätsel lösen?“
„SIE WIRD!“, erschien auf Kassiopeias Rückenpanzer.
„Siehst du“, meinte Meister Hora zu Momo gewandt, „du wirst es lösen. Kassiopeia irrt sich nie.“

Momo zog ihre Stirn kraus und begann wieder angestrengt nachzudenken. Was für drei Brüder gab es überhaupt, die zusammen in einem Haus wohnten? Dass es sich dabei nicht um Menschen handelte, war klar. In Rätseln waren Brüder immer Apfelkerne oder Zähne oder so was, jedenfalls Sachen von der gleichen Art. Aber hier waren es drei Brüder, die sich irgendwie ineinander verwandelten. Was gab es denn, was sich ineinander verwandelt? Momo schaute sich um. Da standen zum Beispiel die Kerzen mit den reglosen Flammen. Da verwandelte sich das Wachs durch die Flamme in Licht. Ja, das waren drei Brüder. Aber es ging doch nicht, denn sie waren ja alle drei da. Und zwei davon sollten ja nicht da sein. Also war es vielleicht so etwas wie Blüte, Frucht und Samenkorn. Ja, tatsächlich da stimmte schon vieles. Das Samenkorn war das Kleinste von den dreien. Und wenn es da war, waren die beiden anderen nicht da. Und ohne gäb`s nicht die anderen zwei. Aber es ging doch nicht! Denn ein Samenkorn konnte man doch sehr gut anschauen. Und es hieß doch, dass man immer einen der anderen Brüder sieht, wenn man den Kleinsten der drei anschauen will.

Momos Gedanken irrten umher. Sie konnte und konnte einfach keine Spur finden, die sie weitergeführt hätte. Kassiopeia hatte ja gesagt, sie würde die Lösung finden. Sie begann also noch einmal von vorn und murmelte die Worte des Rätsels langsam vor sich hin. Als sie zu der Stelle kam: „Der erste nicht da, er kommt erst nach Haus …“, sah sie, dass die Schildkröte ihr zuzwinkerte. Auf ihrem Rücken erschienen die Worte: „DAS, WAS ICH WEISS!“, und erloschen gleich wieder.

„Still, Kassiopeia!“, sagte Meister Hora schmunzelnd, ohne dass er hingeguckt hätte. „Nicht einsagen! Momo kann es ganz allein.“
Momo hatte die Worte auf dem Panzer der Schildkröte natürlich gesehen und begann nun nachzudenken, was gemeint sein könnte. Was war es denn, was Kassiopeia wusste? Sie wusste, dass Momo das Rätsel lösen würde. Aber das ergab keinen Sinn.
Was wusste sie also noch? Sie wusste immer alles, was geschehen würde. Sie wusste …
„Die Zukunft!“, rief Momo laut. „Der erste ist nicht da, er kommt erst nach Haus – das ist die Zukunft!“
Meister Hora nickte.
„Und der zweite“, fuhr Momo fort, „ist nicht da, er ging schon hinaus – das ist dann die Vergangenheit!“
Wieder nickte Meister Hora und lächelte erfreut.
„Aber jetzt“, meinte Momo nachdenklich, „jetzt wird es schwierig. Was ist denn der dritte? ‚Er ist der Kleinste der drei, aber ohne ihn gäb`s nicht die anderen zwei’, heißt es. Und er ist der Einzige, der da ist.“ Sie überlegte und rief plötzlich: „Das ist jetzt! Dieser Augenblick! Die Vergangenheit sind ja die gewesenen Augenblicke und die Zukunft sind die, die kommen! Also gäb’s beide nicht, wenn es die Gegenwart nicht gäbe. Das ist ja richtig!“
Momos Backen begannen vor Eifer zu glühen. Sie fuhr fort: „Aber was bedeutet das, was jetzt kommt?

„Und doch gibt’s den dritten, um den es sich handelt,
nur weil sich der erst in den zweiten verwandelt …“

Das heißt also, dass es die Gegenwart nur gibt, weil sich die Zukunft in Vergangenheit verwandelt!“
Sie schaute Meister Hora überrascht an. „Das stimmt ja! Daran hab ich noch nie gedacht. Aber dann gibt’s ja den Augenblick eigentlich gar nicht, sondern bloß Vergangenheit und Zukunft? Denn jetzt zum Beispiel, dieser Augenblick – wenn ich darüber rede, ist er ja schon wieder Vergangenheit! Ach, jetzt versteh ich, was das heißt: ‚Denn willst du ihn anschaun, so siehst du nur wieder immer einen der anderen Brüder!’ Und jetzt versteh ich auch das Übrige, weil man meinen kann, dass es überhaupt nur einen von den drei Brüdern gibt: nämlich die Gegenwart oder nur Vergangenheit und Zukunft. Oder eben gar keinen, weil es ja jeden bloß gibt, wenn es die anderen auch gibt! Da dreht sich einem ja alles im Kopf!“
„Aber das Rätsel ist noch nicht zu Ende“, sagte Meister Hora. „Was ist denn das große Reich, das die drei gemeinsam regieren und das sie zugleich selber sind?“
Momo schaute ihn ratlos an. Was konnte das wohl sein? Was war denn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alles zusammen?
Sie schaute in dem riesigen Saal umher. Ihr Blick wanderte über die tausend und abertausend Uhren und plötzlich blitzte es in ihren Augen.
„Die Zeit!“, rief sie und klatschte in die Hände. „Ja, das ist die Zeit! Die Zeit ist es!“ Und sie hüpfte vor Vergnügen ein paarmal.
„Und nun sag mir auch noch, was das Haus ist, in dem die drei Brüder wohnen!“, forderte Meister Hora sie auf.
„Das ist die Welt“, antwortete Momo.
„Bravo!“, rief nun Meister Hora und klatschte ebenfalls in die Hände. „Meinen Respekt, Momo! Du verstehst dich aufs Rätsellösen! Das hat mir wirklich Freude gemacht!“