18dezember

Hasenbringende Weihnachtszeit
(Eine Geschichte über die Kraft der gewünschten Zukunft, kleine nächste Schritte sowie das Wunder der wechselseitigen Beeinflussung)

Auf den weihnachtlichen Wunschzettel darf man alle Wünsche schreiben, die einem so einfallen. Und dabei kann man träumen, wie es wäre, wenn auch die sonderbarsten Wünsche erfüllt würden. Die kleine Anna wollte aber nicht nur von dem Hasen, den sie sich sehnlichst wünschte, träumen, sie wollte ihn wirklich besitzen, auch wenn die ganze Familie Berger gegen einen Hasen für Anna war.

„ Ein Hase stinkt“, sagte der Vater.
„ Die Arbeit bleibt doch an mir hängen“, sagte die Mutter.
„ Ein Hase allein langweilt sich“, sagte Roland, der grosse Bruder.
„ Die Katze wird den Hasen fressen“, sagte Pia, die ältere Schwester.
„ Ich will aber einen Hasen“, rief Anna wütend. „ Ich will – ich will“.
„Wünsch dir besser einen Kassettenrecorder“, schlug die Mutter vor.
„Oder einen Stoffhasen“, meinte der Vater.
„Hasen kommen doch zu Ostern“, belehrte sie Roland.
„Hasen fressen nur, sie sind langweilig“, stellte Pia fest.
„Ich will aber einen Hasen“, Anna stampfte mit dem Fuss auf.
„Ich will – ich will“-.

„Kinder haben nichts zu wollen“, bemerkte die Nachbarin, die gerade zur Türe herein kam. „So ein ungezogenes Kind“. Anna warf ihr einen bösen Blick zu, lief in ihr Zimmer und schrieb auf den Wunschzettel hundertmal: ein Hase, ein Hase, ein Hase…

Ausser dem Hasen hatte sie keinen Wunsch. Sie dachte an nichts anderes mehr, nur noch an den Hasen, den sie nicht bekommen konnte. Und deshalb sang sie im Musikunterricht aus Versehen: „Oh du fröhliche, oh du selige hasenbringende Weihnachtszeit …“. „Gnadenbringende“, klärte die Lehrerin sie auf. „Die Weihnachtszeit ist gnadenbringend, verstehst du?“ Aber Anna konnte sich unter Gnade überhaupt nichts vorstellen, unter einem Hasen dagegen sehr viel. Also sang sie auch bei der Weihnachtsfeier im Altenheim mit lauter Stimme: „hasenbringende Weihnachtszeit.“

Die Lehrerin blickte sie strafend an, aber ein alter Mann winkte Anna zu sich und liess sich über die Bedeutung der hasenbringenden Weihnachtszeit aufklären. „Wenn ich das singe“, sagte Anna, „bekomme ich ganz sicher einen Hasen.“

An einem anderen Tag wollte die Schulklasse den Patienten im Krankenhaus eine Freude mit ihren Weihnachtsliedern machen und Anna sang erneut voller Inbrunst von der „hasenbringenden Weihnachtszeit“. Eine Frau mit Gipsbein lachte Tränen, und liess sich von Anna über die tiefere Bedeutung des veränderten Liedtextes aufklären.

Bei der Schulweihnachtsfeier hatte mittlerweile die ganze Klasse Spass an der „hasenbringenden Weihnachtszeit“, denn es machte der ganzen Klasse Spass, die Lehrerin vor Zorn erröten zu sehen. Der Direktor der Schule aber lachte, dass ihm die Ohren wackelten und liess sich den Grund der Umdichtung des schönen alten Weihnachtsliedes erklären.

„Anna wünscht sich einen Hasen“, rief die Klasse im Chor.

Am vierten Advent besuchte Annas Familie wie jedes Jahr Tante Käte, um mit ihr Weihnachtslieder zu singen. Tante Käte bekam einen Schluckauf vor Lachen, als „Oh du fröhliche …“ an der Reihe war.

Zum letzten mal sang Anna am Heiligen Abend in der Kirche von der „hasenbringenden Weihnachtszeit“ und informierte flüsternd die Frau des Pfarrers, die links neben ihr sass, von ihrem vergeblichen Hasenwunsch. Nach der Kirche war endlich Bescherung. Die Kerzen des Weihnachtsbaums strahlten, und Anna liefen trotz der schönen Geschenke heisse Tränen aus den Augen. Nun war es doch nur eine gnadenbringende und keine hasenbringende Weihnachtszeit geworden.

Dann läutete es an der Haustür. Der Vater ging hinaus, öffnete und kam ein wenig blass ins Zimmer zurück und sagt: „Ein Bote hat dies hier im Auftrag eines Altenheimbewohners für Anna abgegeben.“ Verwirrt deutete er auf den Käfig in seiner rechten Hand, in dem ein süsser Zwerghase sass. „Mein Hase“ rief Anna. Tränen und Enttäuschung waren vergessen. Jetzt war doch noch die hasenbringende Weihnachtszeit angebrochen. Ehe jemand etwas sagen konnte, läutete es zum zweiten Mal.

Die Mutter ging hinaus, öffnete die Tür, kam schreckensbleich wieder, zeigte auf den Käfig mit einem Zwerghasen und stammelte: „Für Anna. Im Auftrag einer Patientin des Krankenhauses“. Anna jubelte, denn zwei Hasen sind doch schöner als ein Hase. Der dritte Zwerghase wurde nach fünf Minuten vom Direktor der Schule abgegeben, der vierte von Tante Käte und der fünfte von der Frau des Pfarrers.

„Ich hatte übrigens auch …“ begann die Mutter mit zitternder Stimme und deutete in den Garten.

Der Vater, Roland und Pia erwiderten wie aus einem Munde: „Ich auch.“ Alle hatten sie heimlich für Anna einen Zwerghasen und den dazugehörenden Käfig gekauft und in je einer anderen Ecke des Gartens versteckt.

(Autorin unbekannt, danke Isabelle Senn für die Inspiration)