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Lösungsfokus – ideal, wenn die Lösung noch nicht bekannt ist?!

Letzte Woche hatten wir – Elfriede „Elfie“ Czerny* und Dominik Godat* – ein spannendes Gespräch über lösungsfokussierte Führung mit Mark (Name geändert), einem IT-Teamleiter eines Schweizer Grosskonzernes. Dabei stand vor allem die Frage im Zentrum, ob sich der Ansatz der Lösungsfokussierung auch dann eignet, wenn die Lösung noch gänzlich unbekannt ist. Dabei ist uns ein spannendes Missverständnis klar geworden!

Mark: Ich sehe den Nutzen der lösungsfokussierten Führung und es macht Sinn, den Fokus vom Problem auf die Lösung zu legen. Was aber, wenn meine Mitarbeitenden die Lösung noch nicht kennen? Wenn meine Mitarbeitenden nicht wissen, wie sie das Problem lösen können respektive wie Sie zu einer Lösung kommen? Eignet sich der Ansatz auch dann?


Dominik: Ja, unbedingt. Der lösungsfokussierte Ansatz eignet sich vor allem dann, wenn die Lösung noch nicht bekannt ist.

Elfie: Mich würde zunächst noch interessieren, was du unter „Lösung“ verstehst. Oft meinen wir mit diesem Wort sehr unterschiedliche Dinge:

  • Auf der einen Seite sprechen wir von „Lösung“ und meinen die gewünschte Zukunft – den Zustand, den wir erreichen wollen, bei dem vieles besser ist.
  • Auf der anderen Seite meinen wir mit „Lösung“ oft auch den Weg zu diesem gewünschten Zustand – sozusagen den Weg zur Lösung.

Mark: Ja, genau. Was wenn beides nicht bekannt ist. Wenn meine Mitarbeitenden weder die Lösung noch den Weg dorthin kennen? Dann kann ich ja gar nicht auf die Lösung fokussieren, da diese ja noch unbekannt ist, oder?


Elfie: Das mag vielleicht paradox klingen, doch der lösungsfokussierte Ansatz eignet sich vor allem dann, da er davon ausgeht, dass dort, wo die Aufmerksamkeit hingelenkt wird, Lernen entsteht. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das Problem, dann werden wir Problemexperten. Dies führt für gewöhnlich zu einer grösseren Handlungsunfähigkeit, da wir nun zwar wissen, was das Problem ist, jedoch noch nicht, was wir nun tun können. Lenken wir die Aufmerksamkeit jedoch auf die Lösungsebene, so lernen wir mehr und mehr über mögliche Lösungen und erste nächste Schritte dorthin.


Mark: Die Lösungsebene?


Dominik: Ja, wenn wir von Lösungsebene sprechen, geht es vor allem um

  • das Entdecken der gewünschten Zukunft und um das, was dort dann alles anders sein wird (wird oft als zukünftige Lösung gesehen),
  • das Erkennen des bereits Funktionierenden (Teile der Lösung, die bereits jetzt Realität sind),
  • das Bewusst werden aller  Ressourcen, die die Mitarbeitenden für die Lösungsfindung einsetzen können,
  • das Aufspüren von positiven Ausnahmen der Vergangenheit, die wir wieder möglich machen können, in dem wir mehr von dem machen, was dort funktioniert hat sowie
  • das Ableiten von sinnvollen nächsten Schritten, die uns näher zur gewünschten Zukunft bringen und gleichzeitig motivieren und Zuversicht geben, um anschliessend nächste kleine Schritte zu initiieren.

Elfie: Lösungsfokus bedeutet, dass wir unsere Aufmerksamkeit gemeinsam auf das Entdecken von möglichen Lösungselementen legen und nicht, dass die Lösung schon bekannt sein muss.


Mark: Ah, ok! Und wie wird das gemacht?


Dominik: Der lösungsfokussierte Ansatz hat zahlreiche Instrumente, um Lösungen auf die Spur zu kommen. Wird Lösung als gewünschte Zukunft gesehen, dann haben sich in der Vergangenheit zur Erforschung dieses zukünftigen Wunsch-Zustandes unter Anderem folgende Frageformen bewährt:

  • die Wunderfrage (Kurzform: „Angenommen es geschieht über Nacht ein Wunder und alles hat sich einfach so gelöst. Woran erkennst du dies am Morgen danach?“),
  • Zielfragen (z.B. „Woran erkennst du, dass du dein Ziel erreicht hast?“),
  • Perspektivenwechsel (z.B. „Woran erkennen deine Kunden, dass du Fortschritte erzielt hast?“)  ,
  • Fragen nach möglichen Auswirkungen (z.B. „Was wird anders sein, wenn du an deinem Ziel angekommen bist?“) und zukünftigen Handlungen (z.B. „Was wirst du dann anders tun?“)

 (Für Details siehe Abschnitt 3.2 des Buches „Lösungen auf der Spur – Wirkungsvoll führen dank Lösungsfokus“).


Mark: Und wenn die Mitarbeitenden den Weg zur Lösung noch nicht kennen?


Elfie: Ja, ist mit Lösung der Weg zur gewünschten Zukunft gemeint, so entwickelt sich durch die oben beschriebene Erforschung der gewünschten Zukunft ein Referenz-Zustand mit dem Wunsch und Drang dorthin zu wollen. Die gewünschte Zukunft ist somit einerseits Kompass, in dem Sinne, dass sie die Richtung für den Weg in groben Zügen vorgibt, und andererseits aufgrund der Attraktivität auch Anziehungspunkt, in dem Sinne, dass Mitarbeitende motiviert sind, dorthin zu gelangen. Wie bei einer Reise findet sich der Weg in der Regel leicht(er), wenn klar ist, wo diese hin geht.

Dominik: Genau. Und, die im Gespräch gefundenen kleinen nächsten Schritte helfen, um dem Ziel näher zu kommen. In unserer heutigen dynamischen und komplexen Welt ist es oft effizienter erste kleine Schritte zu tun, dann zu schauen, welche Auswirkungen diese haben und anschliessend auf dieser Basis nächste Schritte zu definieren, die uns näher ans Ziel bringen. Auf diese Weise stellen Führungskräfte und Mitarbeitende sicher, dass sie konsequent den Weg zu ihrem Ziel verfolgen und keine Planungs- und Korrektur-Ressourcen verschwenden, wie dies bei Aktionsplänen üblich ist. Kleine nächste Schritte sind ausserdem mit einem kleineren Risiko verbunden. Deshalb sind kleine nächste Schritte mit der Einstellung „Lass uns dies mal versuchen und schauen, was passiert“ sinnvoll. In diesem Sinne ist es sogar gut, wenn der Lösungsweg anfangs noch nicht bekannt ist und sich Schritt für Schritt ergeben darf.

(Für Details siehe Abschnitt 3.5 des Buches „Lösungen auf der Spur – Wirkungsvoll führen dank Lösungsfokus“).

„Lösungsfokus bedeutet, dass wir unsere Aufmerksamkeit gemeinsam auf das Entdecken von möglichen Lösungselementen legen und nicht, dass die Lösung schon bekannt sein muss.“ Elfie Czerny

„Der lösungsfokussierte Ansatz hat zahlreiche Instrumente, um Lösungen auf die Spur zu kommen.“ Dominik Godat

*Elfriede Czerny und Dominik Godat leben und arbeiten zusammen. Sie leiten gemeinsam die 9-tägige Leadershipausbildung „Lösungsfokussierte Leaderin/Lösungsfokussierter Leader“.